Sommer im Bauch
Liebe Grüße aus dem schönsten Büro das es geben kann: Ich sitze unter dem Blätterdach einer schönen Eiche im Schatten und schreibe mit geräuschminimierenden Kopfhörern. Das Rascheln der Blätter im Wind, das glückselige Gepfeife der Vögel und das Plätschern des Baches gehen mir einfach so was von auf den Nerv. Nein, natürlich trage ich die, damit ich die Kinder im Hintergrund besser ausblenden kann, falls es im Haus laut werden sollte. Martin kümmert sich um sie, aber Benno hat mich gerade schon gefunden und wenn er weiß, dass er nicht zur Mama soll ist es eine große Versuchung, sich nicht in einem unbeobachteten Moment aus dem Haus zu stehlen und zu Mama zu rennen. (Oh jetzt hör ich ihn weinen, ich kann ihn einfach nicht ausblenden.) Heute weht hier ein angenehmes Lüftchen in den Bergen und das tut so gut nach der Hitzewelle. Gefühlt war ich die letzten Wochen überhitzt und mein Gehirn glich einer Matschbirne, die zusätzlich auf Sparflamme lief. Ich war sehr oft gereizt und spürte, dass über 35 Grad bei mir einfach nichts mehr geht.
Seit zwei Wochen haben die Kinder große Sommerferien. Hier gibt es zehn Wochen Ferien! Das ist sooo toll! Obwohl, jetzt sind es nur noch acht. Ich bin so stolz auf die beiden Großen, wie tapfer sie das Jahr in Schule und Kindergarten gemeistert haben. Langer Schulweg, lange Schultage und alles auf Portugiesisch. Hätte ich die Kapazitäten gehabt, hätte ich sie sehr gerne Zuhause unterrichtet. Die Entscheidung mit der Schule ist mir nicht leicht gefallen. Und das nicht, weil ich eine Ober-Glucke bin, sondern weil ich mit dem Schulsystem nicht so ganz konform gehe. (Ich bin nämlich nur eine kleine Glucke.) Aber es ist nicht alles beknackt in der Schule, wie die Kantinenkraft, die die Kinder zwingt die Teller aufzuessen. Also das Essen darauf. Doch Lou hat schon einen Trick bei dem sie die Serviette geschickt als Tarnmantel für ungeliebte Speisereste drapiert. Die Kinder sind mit anderen Kindern zusammen, können sich mittlerweile schon gut auf Portugiesisch verständigen und das Schönste: Sie haben ihre ersten Freundschaften geknüpft. Hier am Berg sind wir doch recht abgeschieden. Jaro hat den Nachbarsjungen. Lou hat im Moment noch keine Freundin die sie außerhalb des Kindergartens sieht. Und das ist auch ein großer Punkt an dem ich selbst öfter mal zu nagen habe. Ich fühle mich auch oft isoliert. Vor allen Dingen im Winter. Im Sommer trifft man sich viel an Flussstränden, oder wir laden Freunde ein. Das mache ich bei Regen und Kälte in unserm kleinen Haus einfach selten. Aber jetzt ist Sommer und damit ist vieles leichter, das Leben findet wieder draußen statt. Wir sind oft am Wasser und das liebe ich sehr. Die Kinder spielen stundenlang mit Wasser und Sand, da kann ich gut abschalten. Zuhause sitzt mir der Haushalt im Nacken, da sehe ich oft nur den Abwasch, die Brösel oder die acht Kackhaufen die Benno draußen vor die Tür setzt. Deswegen liebe ich es rauszukommen. An Tagen wo es so heiß ist, schau ich, dass ich entweder früh oder recht spät loskomme. Selten fahre ich über die Mittagszeit, denn wir haben keine Klima im Auto. Und das ist in Portugal wirklich Wahnsinn! Frag mich schon, wann das Jugendamt endlich auf uns aufmerksam wird und uns ein anderes Auto verschreibt. Wirklich fahrlässig von denen, das einfach zu ignorieren. Vielleicht schreibe ich mal einen anonymen Brief. Wir haben 35 Grad außen und 47 Grad im Auto. Aber irgendwie haben die Leute das früher ja auch überlebt. Glaube ich zumindest. Es sind ja nur paar Monate im Jahr. Diese Feststellung tröstet kein Bisschen. Doch ich bin sehr dankbar für unser neues Familienmitglied: Einem T4 Caravelle aus dem Jahre Neunzehnhundert-Dieselvielschlucker. Wir haben neun Sitze und damit ausreichend Platz für unsere Kinderschar und alles was mit zu den Ausflügen muss. Außerdem bekommen wir tatsächlich noch ein Baby! Also ich trage es aus, das ist bei uns noch etwas altmodisch. Falls man das jetzt dazu sagen muss. Naja und das Baby bekommt natürlich auch einen Platz im Auto. Und wenn wir dann noch Familie oder Freunde mit zu den Ausflügen nehmen wollen, dann ist ein Bus einfach sehr praktisch. Martin möchte noch ein Bettsystem einbauen, dass man ein- und ausbauen kann, damit wir mit dem Bus auch Übernachtungsausflüge und Urlaube machen können. Ja, jetzt habe ich die Katze einfach so neckisch aus dem Sack gelassen. What?? She is pregnönt? Aaaagain? Don`t they know how to verhüt? Are they rabbits? Does it give more Kindergeld??? Haha alles schon gehört, von mir selber auch. Ich bin überglücklich. Mehr kann ich nicht dazu sagen. Und ja. Ja zu all den obigen, im O-Ton niedergeschriebenen, philosophischen Fragen.
Anfangs der Schwangerschaft habe ich viel geweint. Nicht weil es ein Schock war, sondern wegen der Wucht des Lebens. Dieser Kindersegen. Diese wundervollen Seelen die sich um uns gesellen und Familie sind. Ich habe das Gefühl, das Martin und ich in diesem Leben nichts auslassen wollen. Und ich möchte das so. Vier Kinder, das sind einfach wir. Ich habe mit Martin einen wunderbaren Mann an der Seite, der mir schon immer das Gefühl geben konnte, dass alles gut ist, egal was kommt. Er ist ein sehr fürsorglicher Papa der sich Zeit nimmt und sehr liebevoll mit den Kindern ist. Er ist der Fels, wenn meine Emotionswellen mal wieder hochschaukeln. Das ist so ein Geschenk für die Kinder und mich. Ich bin eine sehr reiche Frau.
