Vom Gedeihen unter den richtigen Bedingungen
Wir haben einen ekligen Winter hinter uns.
Ich kann seine Ausläufer noch spüren. Vergleichsweise sind die Winter hier lange nicht so harsch wie bei meiner Freundin, die in Ontario lebt und im März noch minus 20 Grad hatte. Der Winter hier kann trotzdem abkacken. Vor allen Dingen Januar, Februar und März sind scheiße. Zum Glück hatten wir für unser Solarsystem größere Batterien leihen dürfen, sonst wäre es im Haus öfter dunkel geblieben. Und ich hätte zum Wäschewaschen in die Stadt fahren dürfen. Die Wolkendecke lag oft schwer und dick über unseren Köpfen. Der Strom hat trotz der doppelten Speicherkapazität gerade so gereicht. Morgens hatten wir trotzdem ab und zu keinen Strom. Und manchmal konnte ich 2 Wochen lang nicht waschen. Was eigentlich im Winter normal ist. Daran hab ich mich einfach gewöhnt. An diese Umstände. Aber es hat auch seine Gemütlichkeit bei Kerzenschein zu frühstücken. Ja es nervt, morgens im dunkeln nach der Stirnlampe zu suchen, aber man kann auch die Chancen und die Schönheit, die sich daraus ergeben kann, sehen.
Seit vier Jahren leben wir dieses etwas aufwendige und andere Leben im Naturpark am Rande eines historischen Dorfes. Ostern war meine Schwester zu Besuch mit ihren Kindern und da fällt es mir dann sehr auf, wie anders unser Leben hier ist. An ihren Kindern vor allem. Ihr 4-Jähriger nannte unser Trennklo: Das ekligste Klo der Welt. Ich musste so lachen.
Der Frühling ist bei uns angekommen und damit wurden auch die inneren Geister wieder wacher. Ich kann wieder rausgehen. Nachdem ich viele Wochen im Winter zuhause geblieben bin, weil ich mich nicht getraut hatte den Pickup zu fahren. Dieser Winter war kälter, schneereicher und auch verregneter. Die Erde war übersättigt und ständig gab es Erdrutsche. Grundstücksmauern die seit hunderten von Jahren standen, brachen ein. Straßenstücke brachen weg. So haben wir eine andere Route ins Dorf nehmen müssen, die ich mich, aufgrund einer rutschigen Kurve, nicht getraut hatte zu fahren. Martin hat sich den Winter um wirklich alles gekümmert. Er ist morgens mit den Kindern los, hat sie zum Schulbus gebracht, ist arbeiten gegangen, nach der Arbeit hat er die Kinder abgeholt und ist dann meist noch einkaufen gegangen. Er hat alles im Außen übernommen. Ohne auch nur einmal leicht genervt zu sein. Er war mir ein riesengroßer Fels, während ich mit Benno mehr oder weniger auf dem Land festsaß. Es fühlte sich Gott sei Dank nicht so schlimm an, wie man das jetzt vermutet. Doch es war nicht so schön tatsächlich. Also eigentlich war`s schon scheiße. Aber ich bin das ja gewöhnt – irgendwie. Ich weiß ehrlicherweise auch gar nicht was ich diesen Winter großartig getrieben habe?! Ich hätte mich auch in ein Loch verbuddeln können, wäre das Gleiche rausgekommen. Spaß beiseite. Natürlich lässt mich der Haushalt nie allein und ich habe ja noch Benno Zuhause. Aber mir ist auch stark aufgefallen, dass ich keine Leidenschaft für etwas habe. Auch weil Benno schon so groß ist und dieses Jahr in den Kindergarten kommt. Ich habe keine Arbeit in die ich einfach wieder eingegliedert werden kann. Ich fühl mich in vielen Bereichen einfach total verloren. Und das hab ich diesen Winter einfach sehr intensiv gefühlt.
hat für die man brennt, keine Tätigkeit die einem einen höheren Sinn gibt. Dann wird man frustriert. Diesen Sinn habe ich im Winter einfach nicht gesehen. Den Grund, warum wir hier sind. Im Winter hätte ich das Land entbuschen können oder Bäume pflanzen. Oder landschaftliche Veränderungen gemacht. Selbst mit Benno wäre es gegangen. In einem anderen Tempo. Aber es wäre wenigstens im kleinen Rahmen passiert. So stand ich jeden Morgen auf und dachte mir: „Was mach ich hier eigentlich?“ Ich fühlte mich oft allein und gestrandet. Zwar nicht depressiv wie letzten Winter. Aber einsam. .
Unsere schweizer Nachbarn sind vor kurzem auch zurück in ihre alte Heimat gezogen. Ein paar der wenigen Menschen die in der Nähe waren und mit denen wir uns gut verstanden haben. Das fühlt sich immer kacke an. Und verändert mein Leben hier stark. Gestern haben uns unsere Bullshit-Nachbarn aus Holland besucht. Sie waren unsere nächsten Nachbarn. Fast ein Steinwurf entfernt. Sie sind auch weggezogen. Letzten Herbst. Sie zu sehen hat mir ihren Verlust wieder vor Augen geführt. Mit ihnen haben wir uns ausgemalt zusammen eine Farm aufzubauen. Dieses Auswandern zusammen zu meistern. Unsere Kraft zusammenzutragen. Und zu gedeihen. (Mit ihnen hatten wir wöchentliche Bullshit-Abende. Da haben wir zusammen geträumt und gesponnen…) Es ist alles andere als leicht das Leben hier am Berg als Familie alleine zu stemmen. Freunde wachsen leider auch nicht auf Bäumen. Und wenn diese Freunde dann gehen, dann ist es als würde ein Teil meines Fundaments auf dem dieses Leben steht, einfach wegbrechen. So wie die Straßen hier.
Doch auch wenn Verluste so schmerzen und Winter hier kacke sind, wir schauen nach vorne. Und ich muss mehr raus. Deshalb haben wir uns letztens ein Zweitauto gekauft, das nun leider einen neuen Motor braucht und ich jetzt immer noch in der Warteposition festsitze. 😀 Toll! Allerdings ist es Frühling. Ich kümmer mich um meinen Gemüsegarten. Und am Land gibt es auch viel zu tun. Hab im Winter ja kaum was geschafft. 😉
Und dann gibt es diese täglichen Momente der Dankbarkeit. Die ich auch brauche um Weiterzumachen und Kraft für den Tag zu haben. Einfach mal blöd dasitzen und die Sonne genießen. Den Vögeln zuhören, den Hühner zuschauen wie sie ein Staubbad nehmen und auch mal faul in der Sonne liegen. In die Ferne schauen. In das Tal, das gerade noch grün ist.
„So langweilig! Ich will lieber nach Deutschland und in einer großen Stadt mit coolen Autos wohnen.“ Sagt mein 7-jähriger-Jaro dazu. Er ist wie ich, als ich ein Kind war. „Warum?“, frage ich. „In Deutschland ist alles viel cooler. Die Spielplätze sind toller und da ist es einfach so cool!“. „Und hier hast du die Natur zum Spielen.“ Sage ich ihm dann. Mehr weiß ich dann auch nicht zu sagen. Manchmal nervt mich das auch, wenn er hier weg will. Weil ich es manchmal auch will, aber es jetzt so nicht einfach geht. Weil ich das Leben hier liebe und manchmal auch nicht. Weil ich auf viele Dinge keine Antworten habe. Aber ich weiß, wir werden dort hinkommen. Dort wo wir es alle leichter haben werden. Dort, wo wir ein Dorf als Unterstützung haben. Ich hab Vertrauen, dass es gut wird. Es ist schon gut. In mir drin. In mir drin weiß ich nämlich zu hundert Prozent, dass wir das Schaffen. Es schaffen, richtig zu Gedeihen und das Leben wieder mehr zu genießen. Und egal wo das sein wird, es wird geschehen.
