Der Ruf des Herzens oder: Wie alles begann
Es war März 2020 und die Welt machte dicht. Martins Bergsportladen musste schließen- wenn auch nur vorübergehend.
In dieser Zeit stellte ich so vieles in Frage und irgendwann dachte ich mir nur noch:
Scheiß drauf!
Mit der Geburt unseres ersten Kindes gründeten Martin und ich vor einigen Jahren eine Familie. Und ich wünschte mir so sehr, dass meine Kinder das hatten, was ich nie hatte: Einen Papa der einfach für sie da ist. Ich wollte, dass mein Partner miterlebte, wie unsere Kinder groß werden! Und ich wollte ihn öfter sehen als seine Mitarbeiter ihn sahen (sorry Matze, wir lieben dich, aber hey, das geht zu weit! Am Ende wurdet ihr euch immer ähnlicher, also was soll das?!). Auch Martin wünschte sich mehr Familienleben. Lieber weniger besitzen und dafür glücklicher. Das zumindest erhofften wir uns. Und überhaupt, wer will denn schon in einer Doppelhaushälfte mit einem Gästezimmer wohnen? In einer spießigen Straße in einem spießigen Ort mit spießigen Gartenzäunen. Was hatte ich mir da eigentlich dabei gedacht? Dass dies das Haus für die nächsten Jahre werden würde? Vielleicht sogar Jahrzehnte? Dass unser großes Kind dort hopsend in den Waldkindergarten geht, danach in die Schule gegenüber, wir noch 1-2 Kinder bekommen… und wenn die Zeit und das Geld es zulassen, wir uns kleine Träumchen erfüllen können, doch es für die großen vielleicht nie reichen wird? Bei dem Gedanken daran schnürte es mir den Hals zu. Nein, so durfte es für uns nicht weitergehen.
Gerade mal drei Monate vor dem Lockdown waren wir in eine Doppelhaushälfte gezogen. Die Miete konnten wir uns damals gerade so leisten. Und weil wir während der Pandemie nicht wussten was die Zukunft bringt, zogen wir kurzerhand wieder aus. Wir hatten keine Ahnung wie es weitergehen sollte. Als wir also aus diesem besagten Doppelhaus auszogen, nahm uns meine Mama wieder im Elternhaus auf. Das gab uns vor allem eins: Zeit um durchzuatmen und zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Und die Gewissheit, dass wir uns erstmal keine finanziellen Sorgen machen mussten. Meine Mama musste nicht zweimal überlegen. Sie war einverstanden mit der wenigen Miete die wir ihr zu der Zeit zahlen konnten. Ich weiß nicht, ob meine Mama ahnt, wie sehr sie uns in der Zeit den Allerwertesten gerettet hat.
Dort überlegten wir, wie es weitergehen sollte. Martin entschied sich letzten Endes den Laden zu verkaufen. Nicht wegen der Pandemie. Wegen uns. Rückblickend weiß ich bis heute nicht ob ich das beeindruckend, romantisch oder irgendwie total traurig finden soll. Er hatte geplant über den Laden Wander- und Fahrradtouren anzubieten. Der Ursprungsgedanke und die Motivation hinter dem Ladenkauf. Und nun stellte er diesen Traum einfach hinten an. Weil die Arbeit als selbstständiger Ladenbesitzer unserem Familienglück im Wege stand. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er entscheidet sich immer für die Familie.
Und nun hieß es Geduld zu üben und zu warten, bis der Laden verkauft war. Die Träume eines anderen Lebens fingen nebenher zu wachsen an. Es war ein verrücktes Gefühl noch gar keine Ahnung zu haben was kommt und wohin es uns ziehen wird. Schon bevor wir uns kennenlernten, waren Martin und ich viel in der Welt unterwegs. Das auch meistens recht planlos und einfach nur weil wir den Drang hatten, etwas Neues zu sehen und das Abenteuer zu suchen. Aber jetzt? Mit Kindern? Etwas ganz anderes! Pläne wurden geschmiedet, verworfen, neu ausgelegt, auf Eis gelegt… Irgendwann kam ich auf die Idee ein Wohnmobil zu kaufen und damit durch Europa zu fahren. Martin fand die Idee gut und wir fanden ein günstiges, geräumiges und gut erhaltenes Wohnmobil.
Mit seinem handwerklichen Geschick nutzte Martin jede freie Minute und verwandelte dieses Wohnmobil in unser Zuhause. Er baute eine Trockentrenntoilette, lackierte innen und außen, knüpfte Netze als Rausfallschutz für den Alkoven und nähte Vorhänge (ich mein‘ was geht mit dem Kerl ab? Ich fühl mich gar nicht nutzlos.). Wenigstens habe ich ein wenig dekoriert…
Es dauerte ein ganzes Jahr tatsächlich bis der Laden verkauft war. Ein Ende der Ära Bergsportladen. Martin hatte ein wenig Herzschmerz, aber im Grunde war er kaum wehmütig. Er wollte dieses neue Leben genauso. Die Vorfreude war riesig. Gleichzeitig hatte ich auch Bedenken was diese Reise mit unseren Kindern machen würde. Ich fragte mich, ob sie Heimweh bekommen würden. Und unsere Herzen schmerzten natürlich auch, unsere Familie hinter uns zu lassen. In einer Zeit in der sich viele voneinander distanziert hatten, durften wir uns sehr glücklich schätzen: Wir blieben das was wir waren: Eine übertrieben coole Großfamilie! Wir waren stattdessen sogar alle noch ein ganzes Stück näher zusammengerückt und uns gegenseitig den Rücken gestärkt, als die Zeiten während der Pandemie so sorgenvoll waren. Diese Familie zurückzulassen, fiel nicht leicht. Doch wir müssen unseren Herzen folgen, wenn sie laut rufen. Meine Liebsten trag ich immer im Herzen mit dabei. Und auf einmal saßen Martin und ich in unserem rollenden Zuhause. Zwei schlafende Kleinkinder leise schnarchend auf dem Rücksitz. Wir fuhren dem Sonnenuntergang und der Grenze zu Frankreich entgegen. Wir hatten absolut keinen Plan. Dafür ein Wahnsinns Kribbeln im Bauch. Und ohne dieses Kribbeln wären wir sicher nie losgefahren.
